Die van Leeuwen-Orgel der Boezemkerk in Bolnes

Bolnes ist ein Dorf in der Nähe von Rotterdam mit lebhaften Gemeindeaktivitäten. Als die alte Kirche zu klein wurde und man sie zugunsten einer Deichverstärkung abriss, enstand 1957 die Boezemkerk in einem zur Erweiterung vorgesehenen Wohngebiet. Einige Jahre lang war die Kirche zu feucht, um darin eine Orgel zu installieren; 1957 wurde dann dem Orgelbauer Willem van Leuwen aus Leiderdorp der Auftrag zum Neubau einer Orgel erteilt, die 1960 eingeweiht werden konnte. Das Rückpositiv ließ sich durch ein großzügiges zinsloses Darlehen eines Gemeindemitglieds hinzufügen.
Wenn man vom Baujahr ausgeht, könnte man annehmen, dass die insgesamt 18 klingenden Stimmen der zweimanualigen Orgel dem neobarocken Geschmack der Entstehungszeit entsprechen; laut Aussagen vieler Organisten, die auf ihr gespielt haben, ist dies jedoch nicht so. Eine gewisse, möglicherweise im Laufe der Jahre zunehmende Milde des Hauptwerkes bestätigt auch der von Sygsoft, Niederlande, angebotene Sample-Satz; seine Skala aus Harmonischen, Aliquoten und Mixturen ist eher verhalten, aber keineswegs ohne einen gewissen Glanz. Ganz anders das Rückpositiv, bei dem die Klangkrone schon durch andere räumliche Verhältnisse präsenter ist.
Die Orgel wurde mit 24 Bit und 96 kHz gesampelt und dann auf 24 Bit/48 kHz umgesetzt, wobei Multi-Release-Samples Standard sind. Je Register sind acht Tremulant-Samples vorhanden. Der Satz ist reichlich mit selbstverständlich abschaltbaren Spielgeräuschen ausgestattet und hat gleichschwebende Stimmung mit a=440 Hz.
Unter www.hauptwerk.nl/systeemboezemen.php findet sich die Disposition der Orgel. Man sollte kaum glauben, dass ein Instrument diesen Umfangs, geladen ohne "Sparmaßnahmen", mit allen Spielgeräuschen und in vollem 24-Bit-Format etwa 4,7 GByte Speicher belegt - der Preis für die erhöhte Auflösung, die sich freilich besonders in der Transparenz der Zungenstimmen bemerkbar macht. Alle Bremsen angezogen (16 Bit, Kompression ein, überall nur Einfach-Loops), lässt sich die Speicherbelegung auf 1,9 GByte reduzieren.
Wie die Abbildung erkennen lässt, hat der Orgelkasten keine besondere Tiefenausdehnung - eine Eigenschaft, die sich auch klanglich beim virtuellen Instrument bemerkbar macht.

Im Hauptwerk mag man deshalb eine gewisse Tiefendifferenzierung zwischen Prospektpfeifen und weiter hinten im Kasten stehenden vermissen. Vor allem klingen sie allesamt halliger und entfernter als die des Rückpositivs. Dafür gibt es zwar eine Begründung, denn dieses ist nun einmal näher beim Zuhörer im Kircheraum als das Hauptwerk. In diesem Falle unterscheiden sich die Werke allerdings so deutlich in ihrer Räumlichkeit, dass man kaum eine rechte Gemeinsamkeit hören kann. Es dahingestellt, ob dieser vom Sample-Satz vermittelte Eindruck dem im Kirchenraum selbst annähernd entpricht. Der Raum selbst hat mit geschätzten 2 Sekunden recht kurze Nachhallzeit; die Rückwürfe sind diffus und holzbetont (Holzdecke) - eine Kombination, die sich auch auf die Linearität bei den Pedalnoten positiv auswirkt.
Der auch beim Vorbild nüchtern gehaltene Spieltisch hat eine besondere Gestaltung: Die zu den Manualen maßstäblich passenden, aber nicht direkt aktivierbaren Manubrien wurden auf zwei Feldern recht und links nochmals symbolisch und zugrifffreundlicher als aktive Elemente dupliziert. Wird eines von ihnen angeklickt, so springt auch das entsprechende Manubrium heraus. Wegen der guten Erkennbarkeit gibt es nur diese eine Spieltischdarstellung. Eine Bitte: Wer viele Sample-Sätze sein Eigen nennt, würde sich wahrscheinlich über einige Schilder freuen, die die Zuordnung der Registerfelder erleichtern.
Mit Klick auf ein weiteres Tab-Feld öffnet sich das Fenster der (virtuellen) Windversorgung; sie enthält die gleichen Standard-Zeigerinstrumente wie die St.Anne-Orgel, dazu aber noch einige Schalter für den Schnellzugriff auf Trakturgeräusche von Manualen und Pedal sowie den Capture-Schalter - eine nützliche Einrichtung, denn auf diese Weise bietet sich ein schneller Weg für das Speichern von Kombinationen. Ebenso nützlich sind hier die zwei Sonderkoppeln für das Spielen der jeweils untersten Note mit den Pedalregistern auf Manual I bzw. II als Pedalersatz. Es gibt sie nur in diesem Fenster. Während die Kopplung an die Manualwerke durch Mitbewegung der Tasten auch mechanisch angezeigt wird, hat man auf eine ähnliche virtuell-mechanische Verbindung zum Pedal verzichtet.

Virtueller GesamtspieltischWindversorgung und Hilfseinstellungen

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Nicht nur bei diesem Sample-Satz für HW 2/HW 3.00 mit gepackten 2,5 GByte Umfang zeigt sich die zunehmende Komplexität von Hauptwerk, das längst nicht mehr mit einem Sample per Pfeife auskommt, um im Hintergrund wirkend dem Nutzer Funktionen für den vorbildnahen Spielbetrieb bereitzustellen. Sie äußert sich auch im Zeitbedarf für die Installation. So können zwischen Einlegen der DVD und dem Öffnen der Spieltisch-Bildschirmdarstellung gute zwei (2) Stunden vergehen, möglicherweise mit einem schnelleren Rechner etwas weniger. Ist der Satz erst einmal installiert und die Orgel geöffnet, so gehen nachfolgenden Ladevorgänge deutlich schneller, benötigen aber immer noch mehr als fünf Minuten.
Wie bereits öfters festgestellt, zieht man zur Beurteilung des Orgelklanges am besten die Demo-Dateien heran, von denen es auf den Sygsoft-Seiten ein ganze Reihe mit Kompositionen von Buxtehude, Bach, Sweelinck und Reger gibt. Die letzteren Werke bestätigen das oben Beschriebene besonders: Sobald das Rückpositiv erklingt, hat man den Eindruck einer "Orgel vor der Orgel". Hier lässt sich womöglich mit den Intonationsmöglichkeiten in HW2/HW3 ein gewisser Ausgleich schaffen, indem man den Über-Alles-Pegel einfach etwas zurücknimmt.
Wie eigentlich immer bei nicht sehr großen Orgeln, bringen die Zungenstimmen die rechte Würze in die Prinzipal- und Gedackt-Stammbestückung. Im Hauptwerk steht eine recht milde Trompete 8' zur Verfügung und im Rückpositiv ein schön zeichnendes Krummhorn 8'. Mit Fagott 16' und Schalmey 4' ist das Pedal vergleichsweise üppig ergänzend zu den 8'- und 16'-Labialen ausgestattet. Der gut voreingestellte Tremulant wirkt nur auf das Rückpositiv.

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