Die Casavant-Frères-Orgel in Oshawa, Ontario

Mit dem Sample-Satz der Casavant-Frères-Orgel der St. George's Memorial Anglican Church Oshawa, Ontario, erweitert Ken Bales von Exemplum Organum aus Ontario, Kanada, das Angebot an Sätzen für HW 2.xx/HW 3.xx. Das Instrument wurde in seiner Disposition von Lawrence Phelps konzipiert und 1966 installiert. Es hat drei Manuale und 40 klingende Stimmen; nur das Schwellwerk steht in einem Schwellkasten.
Auf dem nebenstehenden Bild sieht man einen zu ebener Erde in zwei Nischen eingebauten Prospekt, dessen Pfeifengliederung dem Verlauf der Spitzbögen folgt, sowie links mehr im Schatten die Jalousie-Shutter des seitlich abstrahlenden Schwellwerkes. Ganz links außen hat man die frei im Raum stehende Mixtur des Hauptwerkes platziert. Nur in einer Nahaufnahme lässt sich die interessante Oberflächenbearbeitung des Prinzipals im Prospekt zu erkennen. Insgesamt fügt sich die Orgel ohne weitgehend unauffällig in den Raum der 1928 erbauten Kirche ein, deren Architektur alter englischer Gotik folgt.
Der ursprünglich aufgenommene Sample-Satz für HW 1 erfuhr in der Fassung für HW 2 einige wesentliche Modifikationen; so nahm man die Einzelpfeifen aller neun Register des Hauptwerks (Great Division) nochmals mit veränderter Mikrofonposition auf, fügte das Register Erzähler Celeste 8' im Chorwerk hinzu und 'verlängerte' einige Register von Schwell- und Chorwerk um eine Oktave nach unten.
Der Satz war von Anfang an so konzipiert, dass er nur minimale Hallanteile enthielt. Dennoch nahm man nach einer Reihe von Tests eine Anpassung an den Ausklangphasen (Reverb Tails) der Register im Chorwerk durch vorsichtige Kürzung vor und machte sie damit vom der Räumlichkeit den anderen Werken ähnlicher. Das diente auch gleichzeitig dazu, vorher vorhandene Störungen durch Stoßstellen beim Überlagern des abrupt abgeschnittenen Ausklangs mit einem künstlich hinzugefügten Raum weitgehend auszuschalten. Damit eignet sich der Sample-Satz, wie ausdrücklich hingewiesen wird, für den Einsatz zusammen mit einem externen Hallerzeuger oder zur Wiedergabe in Räumen mit halligem Eigenleben.

Alle Samples haben das Orignalformat 16 Bit/44,1 kHz, aufgezeichnet in Stereo. Um eine ursprünglich aus dem Hauptwerk (Great) 'ausgeborgte' 8'-Trompete mit einem Register eigener Farbe zu ersetzen, wurde eine Trompette Heroique 8' geschaffen und in das Chorwerk versetzt. Auf Grund ihrer klanglichen Durchsetzungsfähigkeit eignet sie sich gut als Solostimme.
Der Sample-Satz belegt insgesamt etwa 2 GByte Platz auf der Harddisk. Lädt man alle Samples in stereo, komprimiert und Hauptwerk dazu, so sind ungefähr 1,7 GByte freies RAM erforderlich. Der Satz ist nicht verschlüsselt, benötigt daher keinen Dongle und kann - so wird ausdrücklich erwähnt - durchaus mit den Registern anderer Orgeln kombiniert werden, sofern die entsprechende Lizenz dies zulässt. Da bedeutet auch, dass alle wav-Einzeldateien frei zugänglich sind.
Wie immer öfter bei umfangreicheren Orgeln, gibt es zwei Fenster für den virtuellen Spieltisch. Hier hat man eine an die Version HW 1 angelehnte Darstellung in als Übersichtsfenster übernommen; allerdings sind alle Komponenten voll beweglich. Dennoch dürfte sie sich kaum für einen schnellen Zugriff beim Spielen eignen, deshalb steht in einer zweiten Darstellung die Bedienung der Orgel durch einen Touchscreen im Vordergrund. Alle Manubrien, Koppeln, Setzer und Positionsanzeigen für Schwell- und Crescendo-Pedal haben hier angenehme, zugriffsfreundliche bzw. gut erkennbare Größe, zudem ist Teilung in der Fenstermitte möglich, um zwei TFT-Schirme zu verwenden.

Virtueller GesamtspieltischFenster mit Haupt-BedienelementenCrescendo-Programmierung

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Die beiden Expression-Pedale wirken auf Chor- und Schwellwerk; dazu ist noch ein programmierbares Crescendopedal mit Anzeige der Pedalposition vorhanden. Abweichend von der hauptwerk-eigenen Darstellung legt man hier keine Schalterhebel um, sondern klickt nur auf ein kleines Feld.
Eine Dispositionsliste mit den im Sample-Satz vorgenommenen Modifikationen gibt es hier. Das Register mit der merkwürdigen deutschen Bezeichnung Erzähler wurde 1907 von seinem Erfinder, dem Orgelbauer Ernest M. Skinner erstmals in seinem Buch 'Composition of the organ' beschrieben: eine offene Labialstimme ganz eigener Konstruktion, durchwegs in 8'-Lage mit sich verjüngendem Schallbecher, das auch als Chamäleon der Orgelregister bezeichnet wird. Es hat großen Einfluß auf die mit ihm zusammen gezogenen Stimmen und gibt diesen Kombinationen jedes Mal eine etwas andere Farbe.
Als Erzähler Celeste hat die Casavant-Orgel im Chorwerk noch ein zweites, ähnliches Register, das leicht verstimmt ist und mit dem anderen Erzähler eine Schwebung erzeugt. Natürlich lassen sich auch andere Stimmen bis zur 4'-Lage mit in die Schwebung einbeziehen.
Die Disposition bietet viele untereinander gut abgestimmte Farben und wird so trocken wiedergegeben, dass man hier von einer wohl nur mit Hauptwerk realisierbaren Hausorgel sprechen kann (die freilich alle üblichen Größenmaßstäbe einer realen Hausorgel sprengt). Das Casavant-Frères-Instrument ist zwar eine industriell hergestellte Serienorgel (in diesem Fall das Opus 2871), kann aber auch als solche ausgesprochenes Spielvergnügen bereiten, weil sie von Haus stimmig ist und nicht auf akustische Eigenheiten des Aufstellraumes Rücksicht nehmen muss. Was mas man möglicherweise in der Registerauswahl vermisst, dürfte sich durch die insgesamt 24 Koppeln, darunter neben Werkkoppeln auch Sub- und Superoktavausführungen, bei einigem Geschick wett machen lassen. Nicht weniger als 13 von ihnen sind - zusätzlich zu denen beim Vorbild - im Sample-Satz enthalten.
Die Demo-Clips untermauern das eben Gesagte durch eine Reihe von Beispielen recht unterschiedlicher Literatur von Buxtehude bis zu einem jazzig-harmonisierten Präludium von Gerald Bales, wobei der Allzweck-Charakter durch den Gegensatz zwischen trockenen (unbearbeiteten) und nachträglich per Hardware-Gerät bzw. mit Faltungs-Software verhallten Stücken noch betont wird. Glanzvoll-rauschende Mixturkronen sind eben nicht Sache dieses Instruments mit seinem nachhallarmen Ambiente. Der Vorteil ist, dass alle Linien mitsamt ihrer Artikulation gut erkennbar bleiben - eine Tugend, die auch einem vielseitig einsetzbaren Übungsinstrument nicht schlecht ansteht.

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