Ein Klavichord für Hauptwerk 2

Das Klavichord, ein zur Familie der Chordophone gehörendes, mit Tasten angeschlagenes Saiteninstrument, gab es für Hauptwerk bisher nicht. Juri Zurek hat den mutigen Schritt unternommen, ein solches Klavichord für HW 2 aufzubereiten. Wie beim Sampeln von Orgeln gibt es auch hier Hindernisse ganz eigener und neuer Art, die gelöst werden müssen, will man Klang und Artikulationsmöglichkeiten vorbildgerecht in die Virtualität übertragen.

Für die Beliebtheit und damit die Verbreitung des Klavichords in der Barockzeit lassen sich mehrere Gründe anführen: Trotz seiner einfachen Bauweise und einer einzigen Klangfarbe bot es ein Höchstmaß an Ansprechbarkeit und Ausdrucksfähigkeit, da die Übertragung des Tastenanschlags auf direktem, kaum noch weiter zu vereinfachendem Wege ohne jegliche Zwischenschaltung einer Hebelmechanik durch die sog. Tangente erfolgte. Außerdem waren Klavichorde wegen ihres vergleichsweise geringen Gewichtes und eine Breite von etwa 120 bis 170 cm gut zu transportieren.
Der zarte, ruhige und sensibel auf Tastendruck reagierende, dennoch stets ausgesprochen lebendige Klang machte das Instrument besonders für die Hausmusik geeignet. Man sagt sogar, dass Carl Philipp Emanuel Bach zeitweilig versucht habe, in einer Kutsche darauf zu komponieren.

In der Abbildung beginnt der aktive Teil der Saite links von den ganz rechts erkennbaren Wirbeln und dem s-förmigen Steg. Es gibt ein- und zweisaitige Klavichorde. Obwohl die ganze sichtbare Länge der einen oder beider Saiten von der mit der Taste verbundenen, metallenen Tangente angeschlagen wird, kann nur ein Teil davon in der Tonhöhe erklingen, wie sie der Taste zugeordnet ist. Die Saiten im gesamten linken Teil (vom Anhang-Befestigungsstift bis zur Tangente) werden von einem sie umwickelnden Streifen mäßig bedämpft.
Nun wird jedoch vom Moment an, in dem die Tangente die Saite(n) nicht mehr berührt, diese Dämpfung auf die ganze Länge wirksam und löst das Abklingen des Tons aus. Da die Tangente im Augenblick des Anschlags die Saite teilt und quasi einen momentanen Steg bildet, bestimmt ihr Auftreffpunkt die Tonhöhe, weil dieser immer einen Klangknoten, d. h. Schwingungsruhepunkt erzwingt. Nach dem Abheben der Tangente entfällt nun die zwangweise Fixierung eines Schwingungsknotens, so dass sich die Restanregung mehr oder weniger auf die ganze verbliebene Saitenlänge verteilt.
Auf diese Weise geht die Anregungsphase in einen wieder neuen, nicht-stationären Vorgang über, der den erzeugten Ton in seiner Abklingphase deutlich verändert - dies bei unterschiedlicher Beeinflussung der bei der Tangentenanregung entstehenden Obertöne und schließlich auch noch überlagert durch die zwischen den Einspannpunkten der Saite hin und her laufenden Ausgleichsvorgängen bis zum endgültigen Verschwinden der Energie. Der Klang setzt sich daher aus einer Reihe von durchaus komplexen Anregungsvorgängen zusammen, die den so simpel erscheinenden Vorgang der Tonerzeugung ausgesprochen lebendig gestalten.
Bei gebundenen Instrumenten steht für mehrere Tangenten (üblicherweise 1 bis 4) nur je eine Saite bzw. ein Saitenpaar zu Verfügung, so dass nur eingeschränkte Polyphonie möglich ist. Bundfreie (fretless) Klavichorde haben diese Einschränkung nicht.
Das vorliegende, gebundene und einmanualige Instrument stammt aus einer privaten Sammlung; es wurde 2006 nach einem Vorbild von J. J. Donat gebaut, das wiederum in einem Leipziger Museum steht. Der Tonumfang beträgt vier Oktaven (MIDI# 36=C bis MIDI# 84=c). Der frei ladbare Sample-Satz mit komprimierten 377 MByte Umfang hat das Format 24Bit/48kHz. Jiri Zurek bietet ihn als Shareware an und erwartet, dass der Nutzer nach einer Testphase einen bestimmten Betrag entrichtet.

Bild 1: DynamikstufungBild 2: Resonanzverhältnisse

Ein Instrument, das sich in seiner Spieldynamik (Lautstärke) vom Anschlag her steuern lässt, verlangt in seiner Übertragung nach Hauptwerk die Erfüllung mehrerer Bedingungen. Zunächst muss das Keyboard (Manual) anschlagabhängige MIDI-Befehle für die Lautstärke (Volume) erzeugen; diese geschieht mit Klaviaturen, die einen zweiten Kontakt für die Velocity-Steuerung aufweisen. Doch dies ist noch nicht alles: Eine zufriedenstellende Nachbildung von Lautstärkeunterschieden bedingt unweigerlich auch das Berücksichtigen unterschiedlicher spektraler Energien. Ein lauter Ton ist stets mit kräftigeren Obertonanteilen verbunden als ein piano angeschlagener.
Auf der Seite der Samples wird dies dadurch erreicht, indem man für jedes bestimmte, willkürlich festgelegte Dynamikintervall ein speziell aufgenommenes Sample zuordnet. In Hauptwerk gibt es dafür die Option, mehrere Sample-Ebenen einzurichten (Layering). Bild 1 zeigt die Dynamikstufung des Klavichords. In dieser allerersten Ausgabe eines solchen Instruments sind nur drei Stufen vorhanden, mit weiteren Layern ließe sich noch eine feinere Differenzierung erreichen. Parallelen zu einem solchen Layering gibt es bei Theaterorgeln, die einen Flügelklang sozusagen als Zusatzfarbe enthalten.
Ein reales Klavichord bietet als sog. 'Bebung' noch eine weitere Möglichkeit der Klangbeeinflussung. Dosiert man nämlich den Tastendruck gerade in einem Maße, dass die Tangente nach dem Anschlag nicht völlig abgehoben wird, dann lässt sich die Knotenbildung bzw. ihre Aufhebung subtil so steuern, dass ein Vibratoeffekt, d. h. Tonhöhenschwankung entsteht. Ein solcher Effekt wäre in Hauptwerk durchaus mit einem Keyboard erzeugen, das über eine After-Touch-Funktion verfügt. Bei der vorliegenden Übertragung ist dies noch nicht vorgesehen.
Der deutlich hörbare Einfluss auf die momentane Tonhöhe beim Wechsel zwischen Knotenbildung und Freigabe des Knotens wirkt ganz nebenbei als ästhetischer "Begrenzer" für den Druck auf die Taste; schlägt man diese nämlich zu stark an, so beginnt der Ton zu jaulen, da beim Abheben der Tangente und damit dem Aufheben des Schwingungsknotens eine unangenehme einmalige auftretende Tonhöhenschwankung entsteht.
Einen wichtigen Beitrag zur nie langweilig werdenden Artikulation bei Spiel auf einem Klavichord (wenn man es beherrscht) leisten die Resonanzverhältnisse. Auch sie wandeln sich, wie in Bild 2 gezeigt, von Augenblick zu Augenblick durch einander überlagernde Vorgänge. Kräftiger Anschlag und schnelles Abheben der Tangente (Staccato) lösen einen energiereichen Impuls und damit einen vergleichsweise langen inneren Nachhall durch Mitschwingen der übrigen Saiten aus, da diese von der frei klingenden Saite mit angeregt werden.
Dieser Nachhall durch mitklingende (sympathetische) Saiten hängt von der Dauer des Abhebens ab und ist ebenfalls in gewissen Grenzen steuerbar. In Hauptwerk lässt sich diese Eigenschaft durch Samples mit mehreren unterschiedlich langen Abklingphasen (Muliple Release) - in diesem Falle insgesamt vier - modellieren. Multipliziert man man diese mit den tatsächlich definierten Dynamikstufen, so gelangt man je Ton zu über 12 Samples für eine einigermaßen vorbildgetreue Nachbildung.
Alle genannten Klangeigenschaften führen dazu, dass man nicht jede beliebige Literatur auf einem Klavichord ästhetisch zufriedenstellend interpretieren kann. Wikipedia erwähnt, dass das Instrument für Oktavgänge, große Sprünge (Intervalle), virtuose Läufe und schnelle Akkordwiederholungen weniger geeignet ist.
Die Tatsache, dass ein Klavichord eine gewisse Grenzlautstärke erzeugt, jenseits der das Instrument nicht mehr angenehm klingt, sollte übrigens nicht dazu verführen, den Pegel der Wiedergabeanlage übermäßig aufzudrehen. Recht schnell wird man feststellen, dass ein auch nur leicht übertriebene Wiedergabe den Charakter des Klavichords bis zur Karikatur verfälschen kann. Die offensichtliche akustische Lautstärkegrenze und damit auch die Untauglichkeit zum Ensemblespiel waren auch ein Grund dafür, dass das reale Instrument vom Cembalo und später von Hammerklavier abgelöst wurde.
Jiri Zurek weist deutlich auf den experimentellen Charakter dieser Version für Hauptwerk hin, die noch keineswegs perfekt ist. Immerhin kann man schnell eigene Erfahrungen mit einem Instrument machen, dem man sonst vielleicht nicht so schnell begegnet. Ein Klangbeispiel gibt es auf den Seiten von www.hauptwerk.cz, weitere lassen sich aus dem Internet laden, so führen z. B. bei der URL http://www.harpsichord-sd.com/clavichord/ weitere Links zu Klangbeispielen.
Selbst weltbekannte Musikerpersönlichkeiten haben Aufnahmen auf diesem leisen, aber ausgesprochen expressivem Tasteninstrument gemacht, und auch der Jazzpianist Oscar Peterson war vom Klang so begeistert, das er es für eine Aufnahme von Melodien aus Porgy und Bess einsetzte - nicht zum Nachteil der Interpretation. Einige Clips mit Sonatensätzen von Haydn (Hob XVI, Nr. 32 und 48), aufgenommen auf einem realen Instrument, lassen sich ausgehend vom URL http://real.uwaterloo.ca/~sbirkett/music/ herunterladen. Die Interpretationen von Marcia Hadjimarkos schöpfen alle Artikulationsmöglichkeiten des Instruments aus, so dass sie durchaus Wiedergaben auf Hammerklavier oder einem modernen Flügel ebenbürtig sind, oder diese sogar durch ihren eigenen Reiz übertreffen. Auf dem besprochenen virtuellen Instrument hat Walter Zielke bereits das Italienische Konzert von Johann Sebastian Bach eingespielt und ins Netz gestellt.

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