Ein Debain-Harmonium für Hauptwerk

Druckwind-Harmonium des Pariser Herstellers Debain.
Die Register- und Hilfszüge der unteren Reihe sind ebenso
wie die Kniehebel in der Fassung für HW1 nicht implementiert.

Im Jahr 1842 lässt sich Alexandre Debain ein Instrument patentieren, das er Harmonium nennt - ein Gattungsbegriff, der sich im nicht-englischsprachigen Bereich bis heute eingebürgert hat. Paul Delferriere hat ein Debain-Druckwindmodell (Baujahr etwa 1874) für HW1 gesampelt, so dass es sich in HW 2.10 importieren lässt. Es besitzt ein geteiltes Manual mit 29/32 klingenden Tasten links/rechts (Trennung beim eingestrichenen e). In der Ursprungsausführung sind links und rechts je 7 Register vorhanden; typischerweise finden sich im Diskant zwei 16'- Stimmen als Musette und Celeste und sogar ein 32' Grave anstelle von 2 x 2' und einem 8' im Bassteil. Der beim Original vorhandene Tremulant wurde hier nicht implementiert.
Die CD-ROM mit dem HW1-Sample-Satz enthält rd. 470MByte an wav-Dateien - Indiz dafür, dass sich das Instrument mit wenig RAM begnügt: Paul Delferriere gibt 520MByte freien Speicher in einem Pentium-4-Rechner mit mindestens 1,5GHz Taktung an. Die Einzel-Samplelängen sind mit 1MByte recht großzügig, zumal Zungenstimmen im eingeschwungenen Zustand keine übermäßige Veränderung in ihrem Obertonspektrum zeigen.
Wer von der Orgel kommt, wird sich zunächst mit dem zweigeteilten Manual (bei den einmanualigen Versionen) vertraut machen. Nicht nur, dass der zur Verfügung stehende Tonumfang für jede Hand eingeschränkt ist; auch die Registrierungen für die linke und rechte Abteilung wollen - besonders bei homophoner Musik - sorgfältig aufeinander abgestimmt sein.

Anders als bei der Orgel bieten die Registerfarben nicht sehr große Gegensätze, schon eher tragen die absoluten Tonhöhen zur Differenzierung bei. Insgesamt haben die Einzelstimmen eher milden Charakter; Akkorde mit mehreren Registern können aber in Verbindung mit Koppeln durchaus ein eindrucksvolles Forte erzeugen - beispielsweise, wenn Bourdon 16' zusammen mit dem Basson 8' im linken Teil gezogen werden.
Wie generell bei Instrumenten für Hauptwerk, lassen sich durch Modifikation der ODF-Datei beim Original nicht vorhandenen Koppeln nachbilden oder zusätzliche Register durch "Ausborgen" anderer Stimmen erzeugen. Davon hat Paul Delferierre auch hier Gebrauch gemacht. Schon die Grundversion ist mit abgeleiteten Registern und einem Schwellpedal versehen; es enthält überdies einen Plein Jeu-Zug, der sich auf den gesamten Tonumfang auswirkt. Bei Bedarf lassen sich zum Plein Jeu noch weitere Fußlagen hinzufügen. Wenn man so etwas bei anderen Instrumenten vor hat, sollte man das in HW1 (bzw. einer Version von 1.23 bis 1.30) machen und die so veränderte ODF zusammen mit dem Sample-Satz in HW 2.10 importieren.
Die nochmals erweiterte Ausführung (Abbildung Mitte) bietet zwei Koppeln (Accouplement Grave/Aigu), mit denen sich jeweils Bass-Register im Diskant und umgekehrt erreichen lassen. Da die Manualtrennung dabei erhalten bleibt, sind raffinierte Registriereffekte möglich, die sich freilich nicht auf die Schnelle erschließen. Mit Transponierung (Transpose Octave Aigu) werden die Töne eines oder weiterer jeweils gezogener Register um eine Oktave nach oben transponiert. Fallen sie dann in den Bereich des anderen Manualteiles, muss dort natürlich auch mindestens ein Register gezogen sein. Über diese Art von Spielhilfen mag man heute lächeln; dennoch gehören sie zum Handswerkzeug, mit dem ein versierter Harmoniumspieler umgehen können sollte.
Das größte virtuelle Instrument ist ein zweimanualiges Pedalharmonium. Ein Schwellpedal gibt es hier nicht; es ließe sich jedoch analog zu den anderen ODFs leicht in HW1 "nachrüsten". Das entspricht zwar nicht dem Vorbild, wie man es in manchen Ländern als Kirchenorgelersatz (dann mit mechanisch betriebenen Schöpfbälgen) benutzte, aber es stellt wenigstens eine gewisse Crescendo-Fähigkeit her.

Virtueller Spieltisch des OriginalsEine Version mit Koppeln......und mit zwei Manualen/Pedal

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An das in Hauptwerk 1.22 vorgesehene und hier bei zwei Ausführungen vorhandene Schwellpedal darf man keine großen Erwartungen stellen. So ist der Pegelbereich (um einmal in elektroakustischen Kategorien zu bleiben) trotz möglicher Modifikation der ODF von voll offen bis voll getreten einfach zu gering, selbst wenn man berücksichtigt, dass der mögliche Schleiferweg des Schwellerpotis mechanisch manchmal nicht voll genutzt wird. Da nur eine Windlade und damit ein Schwellpedal vorhanden ist, gibt es in HW1 auch keine "Double Expression" mit Diskant- und Bassteilung. Alle diese Unzulänglichkeiten ließen sich mit einer von Grund auf überarbeiteten Version für HW 2.10 aus der Welt schaffen.
Noch eine Anmerkung zur Stereo-Abbildung: Beim Sampeln eines Harmoniums geht es darum, die auf etwa 1,50m Gehäusebreite verteilten Zungen über die gesamte Basis in Proportion zu bringen, denn eine optimale Spreizung kann musikalische Linien deutlich transparenter machen. Paul Delferierre hat sich dieser Aufgabe vorsichtig genähert, indem er die extremen Noten in Bass und Diskant bei ungefähr +/- 30° von möglichen +/- 45° positionierte. Wenn man bedenkt, dass diese Lagen in der Praxis selten vorkommen, könnte man sicher durch einen etwas größeren Abbildungswinkel noch an Durchsichtigkeit des Stereo-Panoramas gewinnen.
Fazit: Wenn sich auch am Debain-Samplesatz im Zusammenspiel mit Hauptwerk hie und da Einiges verbessern ließe - der Anfang ist gemacht. Man darf gespannt sein, was uns die Sample-Szene neben den vielen eindrucksvoll in Hauptwerk übertragenen Orgel-Persönlichkeiten in dieser Hinsicht noch bescheren wird, zumal HW 2.10 viele Funktionen bei der Windmodellierung aufweist, die erheblich zum Realismus solchen PC-gestützten Musizierens beitragen.

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