Die Hart-Orgel von Little Waldingfield (HW 2)
Mit Lavender Audio betritt ein neuer Anbieter das Feld der Sample-Produzenten. Die englische Firma hat sich zum Ziel gesetzt, interessante Orgeln unterschiedlichen Typs in der Übertragung nach HW 2 zur Verfügung zu stellen, und dies - wo es sich anbietet - auf Shareware-Basis mit voll funktionsfähigen Demo-Versionen. Damit soll erreicht werden, das der Nutzer ein Instrument vor irgendwelchen finanziellen Leistungen gründlich erproben kann. Wer die Möglichkeit des Herunterladens nicht hat, kann die Sample-Sätze auch auf DVD beziehen.
Nach einer Testphase von 30 Tagen, so wird erwartet, ist der Satz auf dem Rechner zu löschen. Zwar geht das Herunterladen ohne Formalitäten, dennoch gibt es Randbedingungen; so ist z. B. jeder der drei gegenwärtig angebotenen Sätze nur zusammen mit einer lizensierten, d. h. mit Dongle freigeschalteten Hauptwerk-Version zu spielen. Ein Teil des eingenommenen Betrages geht übrigens an die entsprechende Kirchengemeinde.
Von diesen drei Instrumenten ist die 1809 von Joseph Hart - einem in Suffolk ansässigen Orgelbauer - ursprünglich für eine Kirche in Norfolk gebaute Orgel mit 18 Registern das mittlere. Damals hatte der Manualumfang noch 68 Noten. 1876 fügte Denman of York dem Schwellwerk die drei Register Double Diapason, Viol de Gamba und Mixure als neue Farben hinzu. Im Rahmen einer Grundüberholung verbesserte man 1893 das Windsystem, die Pedalkoppeln und stellte Pedal auf pneumatische Aktion um.
Starker Verfall des Instruments und die Auflösung der Kirche führten dazu, dass man es schließlich 1989 an die St. Lawrence-Kirche in Wadingfield verkaufte, wo es eine alte und unzuverlässige 'elektrische' Orgel ersetzen sollte. Bei den Restaurationsarbeiten führte der Orgelbauer Peter Bumstead das Pedal wieder auf mechanische Traktur zurück und ersetzte das alte Schwellpedal durch eine modernere Ausführung. Das gesamte Pfeifenmaterial blieb jedoch erhalten; es repräsentiert damit den Stand des frühen 19.Jh., wenn auch mit den viktorianischen Zusätzen.
Sehr typisch für den Klanggeschmack der Entstehungsperiode sind die Hauptwerk-Labiale in ihrer zarten Grunddintonation, mit ihrem singenden Timbre so recht für die Verschmelzung geeignet. Die Oboe im Schwellwerk als einzige Zungenstimme dort fällt durch ihre direkte, klare Ansprache auf; sie besitzt beinahe die Duchdringungskraft einer Trompete. Laut dem nützlichen Online-Nachschlagewerk für Registernamen ist die mit 'Cremona' bezeichnete Zungenstimme im Hauptwerk ein englisch verballhorntes Krummhorn, hier mit Klarinett-Einschlag. Eine angenommene Verbindung zu den Geigenbauern im italienischen Cremona erwies sich als falsch.

Beim Einbau der Orgel in die St. Lawrence-Kirche konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie geradezu auf Maß für die dortigen Räumlichkeiten gemacht wurde: so passt das Gehäuse nicht nur perfekt in den Bogen, auch die Windlade des Schwellwerks hat bis zur Decke nur wenige Zentimeter Luft. Auffallend die liebevolle Bemalung der Prospektpfeifen, die trotz der Unterbringung in einer Nische viel Licht bekommen.
Die Sample-Originalaufzeichnung entstand im Format 44,1 kHz/16 Bit. Wind, Register und Manual/Pedaltraktur sowie Schwellergeräusche wurde alle getreulich einbezogen (und sind in HW 2 abschaltbar). Die Darstellung ist ein gutes Beispiel dafür, wie man durchaus die Atmosphäre des realen Spieltisches ins Virtuelle übertragen und dabei gute Lesbarkeit der Beschriftungen mit ergonomischen Gesichtspunkten für den Touchscreen-Gebrauch kombinieren kann. Nettes Detail am Rande: Der Schalter für den Blower bringt in der Ein-Stellung gleichzeitig die beiden Kerzen rechts und links des Notenpultes zum Leuchten.

Gesamtabbildung des HW-Spieltisches...sowie Teilansicht mit Registerzügen und Setzern

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Wenn man überhaupt von einer Unzulänglichkeit sprechen kann, dann fällt besonders das Fehlen eines gut zeichnenden, engen Pedalregisters in 8'-Lage auf, obwohl der Bourdon 16 neben seiner durchaus streichenden Obertönigkeit auch eine gut balancierte Einschwingphase aufweist. Als Gegenmittel gibt es außer dem geschickten Einsatz der Koppel 'Swell to Pedal' auch die Ausnutzung der eingeschränkten Tonbereiche und Teilungen im Schwellwerk bei Double Diapason 16', Open Diapason, der Viol di Gamba und des Gedact Treble 4'.

In Bezug auf die Registerbezeichnungen haben sich - so David Butcher von Lavender Audio - in Großbritannien des 19. Jahrhunderts (und schon davor) ganz eigene Konventionen eingebürgert. So gab es unseren Begriff der Mixtur anfänglich überhaupt nicht; statt dessen wurde für eine Form der Mixtur im Bass der Begriff 'Ses' (für Sesquialter) und 'Cor' (für Cornet) im Diskant verwendet. Im späten 19. Jh. galt das Cornet als schlichtweg altmodisch. Die Bezeichnung 'Mixtur' selbst wurde sehr großzügig gehandhabt; sie schloss alle möglichen Arten von Mehr- fach-Registern/Ranks ein, wobei auch Aliquoten mit dazu gehörten.
Baute man die gleiche Hart-Orgel heute, so hätte die Mixtur im Bassteil den Namen Sesquialtera und im Diskant hieße sie Cornet. Die Mixtur im Schwellwerk wäre dann eine Quartane, entsprechend unserer Rauschquint.
Die den Registern zugeordneten Zahlen auf den Lavender-Pages bezeichnen bei Mixturen die Tonhöhe (Pitch) der Komponenten, bezogen auf die Tonhöhe des zugehörigen Grundtones - dies an Stelle unserer Angaben als Bruch.
Im Hauptwerk überdeckten ursprünglich die Dulciana 8', das Zungenregister Cremona und die Flute 4' nicht den ganzen Manualumfang; das Stop(ped) Diapason ist in Bass und Treble geteilt. Mit einiger Übung dürfte es somit kaum an passenden kombinierten Farben mangeln. Freilich sind die unterschiedlichen Manualteilungen etwas gewöhnungsbedürftig. Als im Original nicht vorhandenen Spielhilfen sind nun acht Setzer als Generals sowie je sechs Divisionals (werkbezogene) für Great und Swell neben einen Gesamtrücksteller vorhanden. Drei nur im Hauptfenster vorhandene Fußtritte (Composition Pedals) wirken auf die Hauptwerk-Setzer 1, 4 und 5.
Auf Kundenwunsch wurden inzwischen einige Änderungen an der Definitionsdatei vorgenommen, die sich herunterladen lassen. So ist die Mixtur im Hauptwerk tatsächlich in einen Sesquialter-Bass- und einen Cornet-Diskantteil beim mittleren c getrennt und die Flute 4 über den ganzen Manualbereich vorhanden. Die netten Kerzen mussten dazu samt Halter allerdings entfernt werden. Schließlich zeigen die Koppeln ihre Einschaltung nun durch Bewegung der Tasten an.
Was kann man mit einer solchen 'in der Wolle gefärbten' (dieser Ausdruck sei hier gestattet) englischen Orgelpersönlichkeit nun anfangen? Nach einer Woche Beschäftigung mit dem Instrument lässt sich sagen: Erstaunlich viel, wenn auch bei einem Urteil immer ausgesprochen subjektive Komponenten eine Rolle spielen. Der Wiedergabe kommt zugute, dass der Raum mit etwa 1,5 s Nachhall als klangverbindendes Element zwar vorhanden ist und sich besonders bei längerem Tragen des Kopfhörers angenehm ausnimmt, Anspracheeigenheiten sowie Artikulationsungenauigkeiten aber nicht verdeckt - Eigenschaften, die auch einem Übungsinstrument gut anstehen.
Es sei hier vorweggenommen, dass die beiden anderen Instrumente des Sample-Anbieters - das eine kleiner, das andere etwas größer - ähnliche Prägung, und dies auch in räumlicher Hinsicht aufweisen. Bei der Orgel von South Suffolk mit ihren 25 Registern ist dies kein Wunder; hat sie doch Lavender Audio als Composite aus der Orgel in Groton und der hier besprochenen 'zusammengebaut'. Dazu ist eine Besprechung in Vorbereitung.

Die Einfachloops machen sich beim vergleichsweise bescheidenen Platzbedarf des Sample-Satzes von 850 MByte (Angabe des Produzenten) bemerkbar, wenn man ihn unkomprimiert lädt; mit Kompression geht er auf 650 MByte zurück - ein Wert für eine Orgel mit immerhin 18 Registern, der eine Anschaffung recht attraktiv macht. Irgendwelche klanglichen Einbußen wegen des Fehlens von Mehrfachloops konnten beim besten Willen nicht festgestellt werden. Nach der Zahlung der Registrierungsgebühr ist ein Orgeldefinitionsmodul (CODM) verfügbar, das in gewissem Rahmen eigene Modifikationen erlaubt.

Nachtrag
Im Hauptwerk-Forum wurde darauf hin gewiesen, dass die Windversorgung der Hart-Orgel sehr 'rudimentär' sei. Man hat deshalb versucht, die im Orignal vorhandenen Instabilitäten in der Orgeldefinitionsdatei in gewissem Grade zu berücksichtigen. Wer dies als zu stark empfindet, kann die Tiefe der Windmodellierung durchaus dem eigenen Geschmack anpassen. Bei der obigen Besprechung war das nicht der Fall.

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