Die Rensch-Orgel in Neckargartach
Innerhalb der Anbieter von Sample-Sätzen für Hauptwerk lassen sich in etwa zwei Lager erkennen: Die "Dokumentaristen" möchten eine bestimmte Instrumenten-Persönlichkeit so authentisch wie möglich einschließlich des umgebenden Raumes oder der Tiefenstaffelung der verschiedenen Werke festhalten. Die "Pragmatiker" hingegen streben danach, ein Instrument auszuwählen und es so für die Hauptwerker-Gemeinde zu übertragen, dass es sich ohne wesentliche Einschränkungen für viele Literaturgenres und vielleicht sogar zum Musizieren vor einem größeren Auditorium eignet. Um unangenehme räumliche Überlagerung zu vermeiden, bedingt dies dann eine nur geringe oder völlig fehlende Einbeziehung des Original-Ambientes.
Zur letzteren Gruppe gehört Gernot Wurst mit seinem mehrere Orgeln umfassenden Non-Profit-Projekt, das er auf den Webseiten von Prospectum vorstellt. Anders als die sonstigen kommerziellen Sample-Anbieter finanziert er es mit Spenden, die mit einem Mindestbetrag beginnen. Wer darüber hinaus geht, trägt damit zur raschen Erweiterung der Serie bei. Die erste - in HW1 verfügbnare - Orgel dieser Reihe steht in der Kirche St. Michael; es wurde 1992/93 von Richard Rensch Orgelbau GmbH mit Beratung von Prof. Bernhard Ader gebaut.
Ihr Hauptwerk umfasst sieben Register, das Schwellwerk acht, und das Pedal fünf. Konzept und Disposition des Instrumentes folgen den Empfehlungen des 2. Vatikanischen Konzils, das die Bedeutung der Orgel für den Gottesdienst herausstellt. So dienen die Prinzipalregister für das Spiel beim Gemeindegesang, die Solostimmen zur Heraushebung des Cantus Firmus, das Schwellwerk zur Begleitung von Solisten und/oder des Chors. Alle Stimmen werden auch für Solowerke in liturgischem Zusammenhang verwendet.

Ein Instrument mit dieser Disposition - praktizierende Organisten werde es bestätigen können - lässt sich ausgesprochen gut für Übungszwecke einsetzen. Es sind Klangfarben genug vorhanden, um auch das Gehör in Bezug auf Register-Zusammenwirkung zu bilden. Weder fehlt es an mehreren Grundtonregistern in weiter und enger Mensurierung, Obertönen und Aliquoten, noch an kräftigen Zungenstimmen wie (bei der erweiterten Version) eine Trompete 8' im Hauptwerk sowie eine leicht mildere, hellere Oboe 8' im Schwellwerk.
Wegen der hölzernen Decke von St. Michael und den sonstigen akustischen Verhältnissen ist die Wiedergabe angenehm zurückhaltend räumlich - sozusagen kopfhörerfreundlich mit verringerter Inkopf-Lokalisation. Wer die unharmonischen Teiltöne im Subbass 16' des Pedals als störend empfindet, mag zur Selbsthilfe greifen und den Einschwingvorgang auf ein Minimum kürzen, aber auch diese Eigenheit sorgt dafür, dass sich die Rensch-Orgel eben nicht als irgend ein Instrument aus einer uniformen Serie gibt.

Es leuchtet ein, dass man konzilskonformen gottesdienstlichen Orgeleinsatz kaum in einem Wohnraum simulieren kann. Um statt dessen die klanglichen Eigenschaften in Verbindung mit sehr unterschiedlicher Literatur von Buxtehude über Rinck und Mendelssohn bis Franck von einem erfahrenen Organisten beurteilen zu lassen, wurde die Rensch-Orgel auf einem Hauptwerk-Block von Hoffrichter Orgel ausführlich gespielt. Mit 32 programmierbaren Registertastern, sechs Koppeltastern, acht Setzern in drei Bänken und einem Handregisterspeicher weist der Block mehr Spielhilfen auf, als beim realen Vorbild vorhanden sind.
Als besonders einfach erwies sich der Anschluss des Blocks, nur Netzanschluß, MIDI-Out (zum PC) und Pedalverbindung waren nötig. Die Kommunikation zwischen HWB1 und Hauptwerk1 war dank der schnellen Kanaleinstellung des Blocks und wenigen, einfachen Eingriffen in die ODF in wenigen Minuten hergestellt.
Die bei diesem sehr frühen HWB1-Prototyp recht provisorische Tasterbeschriftung - immerhin muss sie auswechselbar und dabei gut lesbar sein - wird, so Manfred Hoffrichter - im Serienmodell eleganter gelöst werden. Die Kommunikation mit dem Rechner lief ohne Fehl und Tadel. Wenn man sich der Mühe unterzog, die feste Note-On-Belegung der 32 Registertasten des HWB1 auf die ODF der jeweilig gespielten Orgel zu übertragen, waren die Register auf dem virtuellen Spieltisch des PCs fernzuschalten - LED-Signalisierung und Setzer-Interaktion inklusive. Unser Test-Organist kam schnell damit zurecht.
Mehr Mühe bereitete ihm die noch fehlende Höhenverstellung der Orgelbank; sie soll dann in der Produktionsserie vorhanden sein. Erstaunlich "hängerfrei" gab sich die Scanelektronik für beide Manuale und Pedal. Selbst bei Ansteuerung des zusätzlichen MIDI-Mergereingangs mit einem Datenstrom in vier Kanälen blieb die Pufferung einwandfrei; weitere externe Mergereinrichtungen waren damit überflüssig.

Bei einem Umfang von 1,47GByte für den vollständigen Sample-Satz ist die Orgel in ihrer ausgebreitesten Version in HW1 mit 1,5GByte freiem RAM zufrieden - eine Dimension, die mit 2GByte Hauptspeicherausstattung einschließlich Betriebssystem keine Probleme bereiten dürfte. Daneben kann eine kleines Begleitinstrument für die Gemeinde (einmanualig, Pedal, sechs klingende Stimmen) mit 512MB Speicherbedarf geladen werden.
Es gibt eine ganze Reihe von abgewandelten OD-Dateien, die der originalen Orgel Koppeln bzw. Setzer (Pistons) als feste oder rücksetzbare Kombinationen hinzufügen. Solche Modifikationen (u. a. von Jim Pressler und Paul Delferriere) sind unter der Abteilung Links bei Prospectum zu finden. Das Instrument ist nach Kirberger II (a3=440Hz) gestimmt.
Die gleichen Webseiten enthalten auch Demo-MP3s von Einzelstimmen und einigen Werken.

Zur Hauptseite  |  Hauptwerk im Detail (2)